
Zwischen Hoffnung, Geschichte und der stillen Frage nach Gerechtigkeit
Ich reise gerade durch Kolumbien. Nicht als Fotograf, nicht auf einer Fotoreise, nicht auf einer Fotosafari. Ich habe die Kamera bewusst im Hotel gelassen. Wenn ich solche philosophischen Reisen mache, will ich nicht sammeln, sondern zuhören. Nicht festhalten, sondern verstehen.
Ich gehe zu Fuß oder fahre mit einem Fahrrad durch Straßen, Plätze, Viertel. Ich besuche Orte, die politisch, historisch und sozial etwas erzählen. Und ich suche Gespräche. Mit Menschen, die mir sagen, was sie bewegt. Ob sie zufrieden sind. Womit sie hadern. Was sie hoffen. Kolumbien ist ein Land mit einer ambivalenten, oft blutigen Vergangenheit. Gewalt, Drogen, Machtkämpfe – all das ist Teil seiner Geschichte. Und doch spürt man hier etwas anderes: Freundlichkeit. Höflichkeit. Hilfsbereitschaft.
Die Familie scheint das Zentrum des Lebens zu sein. Der Zusammenhalt ist stark, Mütter sind oft die stillen Oberhäupter. Auf den Straßen begegnet man Händlern, die nicht drängen, nicht fordern, sondern Raum lassen. Das sagt viel über eine Gesellschaft.
Ja, Kolumbien hat weiterhin ein massives Drogenproblem. Es gibt keine Pablo-Escobar-Kartelle mehr, aber kleinere Gruppen, die Konflikte schüren. Und dennoch entwickelt sich das Land positiv. Das Pro-Kopf-Einkommen ist höher als in vielen anderen Regionen der Welt. Armut ist hier weniger ein Mangel an Geld als ein Problem seiner Verteilung. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist der eigentliche Sprengstoff.
Raubtierkapitalismus vergrößert diese Kluft weltweit. Das ist gefährlich. Nicht nur für die Armen, sondern auch für die Reichen. Wer Stabilität will, muss für Ausgleich sorgen. Sonst holen sich Menschen irgendwann das zurück, was ihnen verwehrt wurde.
Morgen besuche ich eine Favela in Bogotá. Um noch tiefer zu verstehen. Darüber schreibe ich später.
Die Fotos, die ich in Kolumbien aufnehmen und Euch zeigen werde, sind alle Handyaufnahmen.
Das Leben ist zu kurz für aufgeschobene Pläne, Ausreden und mittelmäßige Fotoreisen!
