
Wer fängt hier eigentlich wen? Eine kleine Philosophie des frühen Vogels
Ein Satz, den wir in Deutschland gerne benutzen, wenn wir jemanden davon überzeugen möchten, dass frühes Aufstehen, Fleiß und ein schneller Start ins Leben irgendwie automatisch eine gute Idee sind.
Wer früh aufsteht, so die Botschaft, hat die Nase vorn.
Nun ja … aus Sicht des Vogels stimmt das durchaus.
Dieser Papuaweih, den ich vor wenigen Tagen in Australien, beim Fressen eines Wurms fotografiert habe, hat offenbar verstanden, worum es geht. Während andere Vögel vielleicht noch gemütlich im Nest liegen, hat er sich bereits auf die Suche gemacht – und siehe da: Der Frühstücksservice liefert direkt vor den Schnabel.
Der Wurm hingegen dürfte die Sache etwas anders beurteilen.
Auch er war früh aufgestanden.
Vermutlich hatte er große Pläne. Ein bisschen frische Erde. Vielleicht ein Spaziergang durch den Garten. Ein erfülltes Würmerleben eben.
Und dann kam der Vogel.
Aus Sicht des Vogels war dieser frühe Morgen ein voller Erfolg: Wurm gefunden, Wurm gefangen, Frühstück gesichert.
Aus Sicht des Wurms war es vermutlich eher ein ziemlich schlechter Dienstag.
Und genau hier wird aus einem alten Sprichwort plötzlich eine kleine philosophische Lektion:
Ob etwas gut oder schlecht ist, hängt oft von der Perspektive ab.
Der Vogel denkt: „Was für ein Glück, dass ich so früh aufgestanden bin.“
Der Wurm denkt wahrscheinlich: „Was für ein Pech, dass ich so früh aufgestanden bin.“
Beide haben denselben Morgen erlebt. Beide waren zur selben Zeit am selben Ort. Aber ihre Wirklichkeit hätte unterschiedlicher kaum sein können.
Das erinnert uns daran, wie schnell wir Dinge als „gut“ oder „schlecht“, als „Erfolg“ oder „Niederlage“ beurteilen – meistens aus unserer eigenen kleinen Perspektive.
Was für den einen ein Gewinn ist, kann für den anderen ein Verlust sein.
Was heute wie ein Umweg aussieht, kann sich morgen als der richtige Weg herausstellen.
Und manchmal ist das, was wir für eine Katastrophe halten, nur eine Geschichte, deren Ende wir noch nicht kennen.
Vielleicht sollten wir deshalb das Sprichwort ein wenig ergänzen:
„Der frühe Vogel fängt den Wurm.
Aber der Wurm wäre vermutlich lieber spät aufgestanden.“
Das Leben ist eben nicht immer eine Frage von richtig oder falsch. Manchmal ist es einfach eine Frage des Standpunkts.
Und wenn wir das verstanden haben, sollten wir vielleicht nicht nur versuchen, der frühe Vogel zu sein.
Manchmal lohnt es sich auch, darüber nachzudenken, ob wir gerade der Vogel sind – oder der Wurm.
Der Vogel auf diesem Foto scheint diese Frage jedenfalls bereits beantwortet zu haben.
Er schaut jedenfalls ziemlich zufrieden.
Der Wurm … eher nicht.
Das Leben ist zu kurz für aufgeschobene Pläne, Ausreden und mittelmäßige Fotoreisen.
